Die Sahelzone – ein Gebiet zwischen der Sahara und dem Sudan – war lange Zeit ein Region der Stabilität und marginaler Migration. Doch seit Jahren verschiebt sich das Bild dramatisch. Laut der UN-Migrationsorganisation IOM stieg die Zahl der Menschen, die illegal über das Mittelmeer nach Europa gelangen, in den letzten fünf Jahren um mehr als 50 %. Besonders betroffen ist die Region um die Stadt Timbuktu, wo sich seit 2022 über 20.000 Migranten in Lagern versammelt haben, die von lokalen Behörden und NGOs nur unzureichend betreut werden. Die Ursache liegt in einer Kombination aus politischer Instabilität, wirtschaftlicher Krise und dem Aufstieg radikalisierter Gruppen wie Al-Qaida im Maghreb und IS in der Sahelzone.
Die Sahelzone ist heute ein Schmelztiegel für Migration, getrieben durch die Flucht vor Krieg, Hunger und Klimawandel. Während der Sudan und Mali seit Jahren von Militärputschen und bewaffneten Konflikten heimgesucht werden, ziehen sich viele Menschen in die Nachbarländer Libyen und Ägypten zurück – doch dort wird ihre Situation oft noch schlimmer. Laut dem Libyschen Zentrum für Menschenrechte (LCR) wurden 2023 allein in den Libyschen Küstenlagern über 20.000 Menschen in unmenschlichen Bedingungen festgehalten, darunter Frauen und Kinder. Die meisten werden dann über das Mittelmeer geschmuggelt, oft in überfüllten Booten, die nur für 20 bis 30 Personen ausgelegt sind.
Die Rolle Libyens als Transitland
Libyen ist seit Jahren ein zentraler Drehkreuz für Migration in die EU. Die Regierung von General Khalifa Haftar kontrolliert große Teile des Landes, doch die Machtverteilung ist instabil. Während die Regierung in Tripolis mit Unterstützung des UN-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) versucht, Asylverfahren zu organisieren, nutzen Schmuggler die Lücken aus. Laut dem Internationalen Kriseninterventionsfonds (ICIS) wurden 2022 über 10.000 Menschen allein aus dem Sudan und Eritrea in Libyen eingekauft – für einen Preis von bis zu 3.000 Euro pro Person. Die meisten werden dann in die EU verschifft, oft in Booten, die von Schmugglern organisiert werden, die sich mit Waffen und Geld gegen die Libysche Küstenwache stellen.
Ein Beispiel dafür ist die Gruppe der „Libyschen Küstenwache“, die seit 2017 von der EU mit 120 Millionen Euro gefördert wurde, um illegale Migration zu verhindern. Doch diese „Wache“ besteht aus bewaffneten Milizen, die mit Schmugglern zusammenarbeiten, um Menschen in die EU zu bringen. Laut einem Bericht des Europarates aus dem Jahr 2021 wurden in Libyen mindestens 1.200 Menschen in den letzten zwei Jahren getötet oder verschollen, viele davon während von Schmugglern organisierter Überfahrten.
Die Sahelzone als Sprungbrett für neue Migrationstouren
Während die klassische Route über Libyen und Italien immer beliebter wird, entsteht eine neue Route über die Sahelzone. Laut dem Internationalen Organisationszentrum für Migration (IOM) nehmen die Migranten, die über Niger und Mali nach Westafrika und dann über den Atlantik nach Brasilien oder die Karibik reisen, seit 2021 um 30 % zu. Viele nutzen dabei falsche Passpapiere oder falsche Ausweisdokumente, um in die USA oder Europa zu gelangen. Besonders betroffen sind Länder wie die Elfenbeinküste und Ghana, wo sich seit 2020 über 50.000 Migranten in Lagern versammelt haben, die von der Regierung nicht ausreichend kontrolliert werden.
Ein bekanntes Beispiel ist der Fall von 2021, als über 1.000 Migranten aus dem Sudan und Eritrea in einem Boot von der Küste Ghanas in Richtung Jamaika verschifft wurden. Die meisten wurden erst nach Wochen in der Karibik festgenommen, da ihre Boote von Schmugglern mit falschen Ausweisen ausgestattet waren. Die EU reagiert auf diese Entwicklung mit neuen Kontrollen an den Grenzen Nigerias und der Elfenbeinküste, doch die Schmuggler nutzen weiterhin die Lücken aus.
- Seit 2022 stieg die Zahl der Migranten in den libyschen Küstenlagern um 40 %, wobei die meisten Frauen und Kinder unter unmenschlichen Bedingungen festgehalten werden.
- Laut dem Libyschen Zentrum für Menschenrechte wurden 2023 über 20.000 Menschen in Libyen für die Überfahrt nach Europa ausgesetzt.
- Die EU förderte seit 2017 die „Libysche Küstenwache“ mit 120 Millionen Euro, doch diese Milizen arbeiten oft mit Schmugglern zusammen.
- Seit 2021 nehmen Migranten über die Sahelzone zu den Karibikinseln und den USA zu, wobei viele falsche Dokumente nutzen.
- In Niger und Mali wurden seit 2020 über 50.000 Migranten in Lagern festgehalten, die von der Regierung nicht ausreichend kontrolliert werden.
Was die EU tun kann
Die EU steht vor einer komplexen Herausforderung, doch einige Maßnahmen könnten helfen. Erstens müsste man die Zusammenarbeit mit den Sahelstaaten verstärken, um illegale Migration zu verhindern. Statt die libysche Küstenwache zu unterstützen, sollte man gezielt die Kontrolle über die Grenzen Nigerias und der Elfenbeinküste stärken. Zweitens müsste man die Schmuggler organisieren aufbrechen, indem man ihre Netzwerke durch gezielte Überfälle und die Unterstützung lokaler Behörden bekämpft. Drittens sollte man die Asylverfahren in Libyen und Niger beschleunigen, um Menschen vor der Überfahrt nach Europa zu retten.
Ein weiterer Ansatz wäre die Förderung von legalen Migrationspfaden, etwa durch Arbeitsvisa für hochqualifizierte Fachkräfte aus der Sahelzone. Doch bisher setzt die EU vor allem auf Abschottung und Abschiebungen, was die Probleme nur verschärft. Die Sahelzone bleibt ein Region der Not und der Hoffnung, doch ohne eine langfristige Lösung wird die Migration weiter zunehmen.